Schiffbruch in der Geschichtenküche

Die fiktive Autobiographie über das Leben und die Abenteuer des Robinson Crusoe erschien 1719 und gilt als der erste Roman der englischen Literaturgeschichte. Der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee hat 1986 in seinem Roman Foe, die direkte Auseinandersetzung mit Daniel Foe, so der eigentliche Name des als Daniel Defoe berühmt gewordenen Autors, gesucht. In Foe erzählt Coetzee die Geschichte von Susan Barton, die als Schiffbrüchige auf einer einsamen Insel landet, wo sie auf den alten Mr. Cruso und seinen schwarzen, stummen Sklaven Freitag trifft. Die Rückkehr nach England überlebt Curso nicht und Susan Barton, die sich nun als Crusos Witwe ausgibt, sucht den Schriftsteller Foe auf, der ihre Geschichte aufschreiben und sie selbst dadurch berühmt und reich machen soll. Coetzees Foe ist ein Diskurs über die Autorität des Wortes und das notwendige Scheitern des Versuchs, aus der Position der Machtlosigkeit und der Marginalität heraus eine eigene Stimme, eine eigene Geschichte, eine eigene Identität zu erschaffen. In den Münchner Kammerspielen wurde nun die Bühnenfassung von Pieter de Buysser in der Inszenierung von Johan Simons uraufgeführt.

Die Bühne wird beherrscht von einer monumentalen Plastik des sitzenden Freitag, die es schafft, allerlei durch Rassismus und Kolonialismus geprägte Klischeebilder des „edlen Wilden“ gleichzeitig hervorzurufen. Susan Barton tritt gedoppelt auf, die eine Darstellerin (Betty Schuurman), blond und ganz in weiß gekleidet, die andere (Sylvana Krappatsch) dunkelhaarig und ganz in schwarz. Während die eine reflektiert und rückblickend berichtet, handelt die andere in der Gegenwart, während die eine fühlt, argumentiert die andere rational. Schwarz und Weiß, Gefühl und Verstand, Schweigen und Sprechen markieren unser durch Gegensätze geprägtes Denken genauso wie Mann und Frau, Herr und Sklave, Künstler-Gourmet und kannibalischer Barbar. André Jungs Cruso in Unterhose und Küchenschürze herrscht über seine ultramoderne Küche und schnippelt, brutzelt und kocht vor sich hin. Julika Jenkins spielt die Frau aus dem Publikum, die später als vermeintliche Tochter Susan Bartons in das Spielgeschehen einsteigt.

Mit fragenden Blicken und zögerlich steigen die beiden Darstellerinnen in das Stück ein, um die Geschichte Susan Bartons zu erzählen. Sie müssen erst aufgefordert werden, ihre Geschichte zu erzählen. Der Wille, die eigene Geschichte selbst zu gestalten braucht Raum und Zeit, um Mut fassen und sich entfalten zu können. Die Frauen zeigen den Text und die Figuren als Fremde, machen die Kluft deutlich zwischen dem „Sein“ und der Geschichte, die dieses Sein und diese Identität zu behaupten in der Lage ist. Der stumme Freitag, der Verlust seiner Zunge und seiner Stimme werden zum unlösbaren Rätsel, zur Leerstelle, die Susan Barton nicht auszufüllen vermag und nicht mit Erfundenem auffüllen will.

Während sich in Coetzees Roman der Schriftsteller seiner Aufgabe weitestgehend verweigert und entzieht und ein großer Teil der Erzählung aus dem Begehren Susan Bartons nach dem Autor bzw. der Autorschaft ihrer Geschichte und ihren unbeantworteten Briefen an Foe besteht, verwandelt sich auf der Bühne der Kammerspiele André Jung von Cruso in Foe. Die Figur der vermissten Tochter Susan Bartons, die ebenfalls Susan Barton heißt, betritt in den Kammerspielen die Bühne und tritt damit in die Geschichte ein, während sie im Roman als möglicherweise bloße Kopfgeburt in der Schwebe bleibt. Andererseits hat Freitag, der hier als riesenhafte Figur eine Projektionsfläche für die um Autorschaft Streitenden bietet, im Roman eine starke, wenngleich vieldeutige Sprache des ge- und beschriebenen Körpers. Das gewaltsame Herausschneiden seiner Zunge hat ihn zwar verstummen lassen, die Erinnerung an diese Gewalt, für die sein Körper steht, sein Tanzen, seine Reaktionen und sein Handeln lassen ihn bei Coetzee jedoch eine durchgängig spürbare Präsenz entwickeln. Im Roman ist Freitag der Spiegel, der Schatten und der Gegenpart von Susan Barton. Die Fassung der Kammerspiele konzentriert sich ganz auf die Auseinandersetzung zwischen der Frau und dem Mann, zwischen Susan Barton und dem Herrn der Insel bzw. dem Herrn der Worte. Die beiden Susan Bartons bewegen sich mit der Zeit auseinander. Während die eine mit Foe um die Autorschaft ringt, sich aber letztlich mit der weiblichen Rolle der Muse zufrieden gibt, hütet die andere mehr und mehr das Schweigen Freitags. Dabei weckt die direkte Ansprache der „weißen Frau“ vor dem „schwarzen Koloss“ Assoziationen an eine andere Geschichte über das Fremde, über Rassismus und koloniale Eroberungsphantasien, nämlich an King Kong.

Auf der Bühne erläutert André Jung als Foe wie nach den klassischen Regeln ein gutes Drama und eine gute Geschichte gebaut zu sein haben. Das Drama von Robinson Cruso, der Frau und dem Neger ist jedoch ein Drama über den Schiffbruch, den diese Regeln heute erleiden. Coetzees Roman führt vor, wie textuelle Strategien unterlaufen und wie Autorität dekonstruiert wird, wie Geschichten mehrdeutig und unfertig bleiben, wie eng die Verwicklungen von Autorschaft, Gewalt und Sprache sind, wie die Position des Anderen in gewisser Weise sprachlos bleiben oder sich zum Komplizen der Herrschenden machen muss. Bei Coetzee hat der Körper Freitags eine eigene, ihm eigene Sprache, die der Roman in Worten darzustellen versteht. Und den Worten Susan Bartons gelingt es nicht, ihrem Körper, ihrer Identität die erwünschte Autorität und Macht über ihre Geschichte zu erschreiben. Auf der Bühne ist diese Art von Komplexität jedoch nicht darstellbar, da Körper zu sehr Körper und Worte zu sehr Worte bleiben müssen. Susan Bartons Akt des Schreibens bleibt auf der Bühne unsichtbar, mit dem Erzählen ihrer Geschichte erleidet sie Schiffbruch. Die Skulptur des „Negers“ kann nur seine totale Abwesenheit als Stimme und Körper repräsentieren. Die männliche Stimme, der Autor und „Herr“ Foe/Cruso bleibt in seinem Küchenreich unangefochten der Meister der Erzählung, der zum Schluss sogar die körperliche, “weibliche”, fließende Stimme der sprachlosen Anderen, “der Frau” und “des Negers” übernimmt.

Weitere Informationen zu aktuellen Vorstellungsterminen direkt auf der Seite der Münchner Kammerspiele.