La Fura dels Baus mit “Metamorfosis” in München

MetamorphososLa Fura heißt nicht Zorn! Irgendwie klang der Name der katalanischen Theaterberserker in meinen deutschen Ohren immer danach: Nach wütenden Furien und dem wilden unmäßigen Baal, nach Sex, Dreck, Raserei und archaischer Besessenheit. In dem Stück “Metamorfosis”, das die Spanier nun in der Münchner Muffathalle präsentierten, entlarvte sich La Fura als das possierliche Haustier, das es wohl schließlich ist. La Fura heißt Frettchen. Und der Baus ist ein katalanischer Fluss. Und der Mythos des großen Zorns fließt 30 Jahre nach Gründung des Theaterkollektivs als kleine echte Träne über die Wange des Mädchens Grete.

La Fura dels Baus 2006, das ist bürgerliches Trauerspiel mit special effects. Die Geburt der sozialkritischen Soap Opera aus dem Geist der Anarchie. Eine seltsame, enttäuschende Verwandlung. Nicht erst mit diesem Stück, aber mit “Metamorfosis” scheinen La Fura dels Baus endgültig die Revision der eigenen Apodiktik vollzogen zu haben. “Zur Fura geht man nicht wie in die Oper”, erklärte in den 80ern der Schauspieler Miki Espuma, “zur Fura zieht man wie in den Krieg.”

Die Fura-Krieger jedenfalls sind zahm geworden. Ihre Requisiten sind nicht länger Kettensägen, Gabelstapler, Schlamm und Blut, sondern – wie in bürgerlichen Trauerspielen üblich – Kaffeekanne, Zuckerdose (mit wirklich Zucker drin und sogar einem Zuckerlöffel!), Tassen und Tischdecke. Sie lärmen auch nicht mehr, sondern sprechen gepflegte Dialoge. Sie haben Auftritte und Abgänge. Sie spielen Vater, Mutter, Kind, Idiot. Sie spielen Theater. Nicht mehr und nicht weniger.

Ausgangsstoff ihres Stückes ist “Die Verwandlung” von Kafka. Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. “Bei der Inszenierung von La Fura dels Baus tritt die Gestalt des Gregor Samsa in einem Glaskasten auf, der an ein Terrarium erinnert. Es ist die Geschichte eines Menschen, der Probleme mit seiner Realität hat, der sich entschlossen hat, sein Zimmer nicht mehr zu verlassen”, erklärt Fura-Direktor Alex Ollé.

Aus Kafkas Käfer wird in der spanischen Inszenierung ein an der Welt leidender junger Mann, der sich umbringen will, dann jedoch die Einsamkeit des eigenen Zimmers vorzieht, und dort, unter den Augen der eigenen Familie, irre wird und verendet. Der Witz und die schöne Surrealität der Vorlage geht durch die Übersetzung in die Jetztzeit leider verloren. Erzählt wird in bester Hollywood-Manier die Geschichte einer fortschreitenden Depression, wie man sie den Bildern nach von der Kinoleinwand auch kennt. Gregor Samsa, das eigenartigste Geziefer der Weltliteratur, darf kein Käfer, sondern soll ein Mensch sein. Eine Mischung aus KZ-Häftling und Kaspar Hauser mit dem Gesicht von Edward Norton, eine Kreatur, aber immer noch menschlich. Weshalb er sich am Schluß auch in der eigenen Scheiße wälzen muss, und seinen Tod in den Armen der eigenen Mutter findet. Die ihn eigenhändig erschießt. Ein Medea-Motiv, das in den Kontext so gar nicht passen will. Hier geraten Tragödie und Trauerspiel ein wenig durcheinander. Wie insgesamt die Dramatisierung an der Vorlage schlichtweg scheitert. Weil bürgerlicher Realismus langweilig anzusehen ist wie eine Vorabendserie im Fernsehen, und die Abgründe der bürgerlichen Existenz andere Darstellungsformen zur Sichtbarmachung erfordern als ihre realistische Abbildung. – Zum Beispiel könnte völlig unerklärt an Stelle eines Menschen eines Morgens ein Käfer im Bett liegen.

Fazit: Viel Applaus für La Fura dels Baus, ausverkaufte Muffathalle, gute Bühnentechnik, engagierte Schauspielerinnen und Schauspieler. – Nur Kafka darf man vorher nicht gelesen haben. Und am Besten auch nichts gesehen haben vom anderen Theater, das in den 80er Jahren noch möglich war.