Anmerkung der Redaktion:
Wir dokumentieren für Sie eine weitere Passage aus dem Handbuch des bedrohten Regisseurs, das bei einer Razzia im Theatermilieu Berlins entdeckt worden ist (s. Teil I).

Gewalt und Brutalität gehören auf die Bühne, das muss man dir eigentlich nicht sagen. Um eine größere Wirkung (oder überhaupt eine Wirkung) zu erzielen, gilt wie in anderen Fällen: lass die Sinnfrage ruhen. Streich mit der Dramaturgin den Text so zusammen, dass die Linien unkenntlich werden. Sollte der Text wider Erwarten holografisch, d.h. auch in kleinen Fragmenten noch verständlich sein, füge ein paar Sätze – besser: ein paar Figuren – aus eigener Produktion hinzu.
Lass die Stärkeren auf die Schwächeren einschlagen, das geht den Gutmenschen unter die Haut. Und zieh die brutalen Szenen in die Länge, über das Normale hinaus, wir sind im Theater, nicht auf der Straße.
Töten gehört auch dazu, sinnloses natürlich, das hält Aufmerksamkeit und Ärger im Zuschauer auf Niveau. Halte dich nicht an die klassische Dramaturgien, wonach Morde und andere Todesfälle erst gegen Ende des Stücks auftreten. Bring die Hauptfiguren gleich zu Anfang um und verweigere jede Erklärung (ha, ha, Sinn!). Merke: Erklärungen sind Waschzettel fürs Parkett. Du willst keine sauberen Stücke abliefern. Du machst Kunst!

Inszenierungstipp: Mach ein Stück ohne Worte, nur mit Tritten, Schlägen und Kopfstößen. Spiel Videobilder ein, auf denen die Verletzungen im Detail zu sehen sind. Mach sie groß, die Leute sollen dasselbe wie im Fernsehen bekommen. Sag, es sei aus der Improvisation entstanden, das Team habe sich drei Wochen in Neukölln eingegraben und könne jetzt nicht anders. Das Feuilleton wird es irgendwann verstehen, die Wissenschaftsredaktion muss es ja nicht wissen.