Das ehrwürdige Edinburgh International Festival feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag und überzeugt wieder mit einem ebenso vielfältigen wie hochkarätigem Programm. Und doch richten sich gerade alle Augen auf eine kleine amerikanisch-britische Produktion, die auf dem begleitenden Edinburgh Fringe Festival Uraufführung feiert: “Jihad – the Musical”.

Die Story des Musicals ist schnell erzählt: ein junge afghanischer Bauer, Sayid, verliebt sich in eine geheimnisvolle verschleierte Dame und steigt, um ihr zu gefallen und um sich vor seiner Schwester Shazzia zu beweisen, in das Mohn-Anbau und -Export-Geschäft ein. Bald erkennt er jedoch, dass die Fremde eine Terroristin ist und dass der Mohn-Export nur als Cover für eine terroristische Zelle dient, die plant, Ziele im Westen anzugreifen. Sayid lässt sich auf den Kampf für die Jihadis ein. Eine sexy Journalistin deckt den Plan jedoch auf und ermutigt Sayid, ihr exklusives Material für ihre Medienberichte zu liefern. Sayid findet sich angesichts des bevorstehenden terroristischen Anschlags in einer Zwickmühle, zerrieben zwischen den Terroristen einerseits und den auf spektakuläre Bilder hoffenden Medien andererseits. Rettung naht in der Form seiner Schwester Shazzia. In der Nacht des Anschlags muss sich Sayid zwischen seiner Schwester, der Gemeinschaft der Jihadis und der Macht der Medien entscheiden.

Gegen das Musical protestieren – nicht die (britischen) Muslime – sondern die (weißen) Briten, die sich so kurz nach dem Anschlag am Flughafen der schottischen Stadt Glasgow nicht derart satirisch mit dem Thema Terrorismus beschäftigen wollen. Dabei hat nicht zuletzt der jüngst verstorbene Theaterzauberer George Tabori immer wieder gezeigt, wie wichtig es ist, über den Schrecken zu lachen.

Charles Chaplins “Großer Diktator”, Ernst Lubitschs Komödie “Sein oder Nicht-Sein” und Mel Brooks Musical “Springtime for Hitler” (aka “The Producers”) haben verdeutlicht, wie Bedrohung bekämpft werden kann – ohne Totalüberwachung und ausufernde Sicherheitsgesetze – indem die überlebensgroßen Diktatoren und Terroristen auf ihr menschliches Maß zurechtgestutzt werden, indem über die menschliche Seite, über die Lächerlichkeit des Größenwahns und die verdrängte Verzweiflung ihrer von Minderwertigkeitsgefühlen und Ängsten geplagten Existenz aus vollem Herzen und mit tränenden Augen gelacht werden kann.

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Auf YouTube ist ein Song aus “Jihad – the Musical” bereits zu einem heimlichen Hit geworden. Der Terrorist al-Mansour – charismatisch und in völliger gestischer Kohärenz mit der westlichen Musical-Tradition dargestellt von dem indischen Schauspieler Sorab Wadia, träumt davon so wie Osama zu sein “I wanna be like Osama”. Begleitet wird er dabei von einem Chor in bonbonrosafarbenen Burkas, die Papp-Gewehre und -Säbel schwenken. Besser hätte Susan Sontag “Camp” nicht definieren können. Und wenn Osama eine Ikone des Camp wird …. dann hat der “War on Terror” eine neue Etappe erreicht – ohne Waffenlieferungen, ohne Tote, ohne Verdächtigungen und Überwachungen, allein durch den Export eines Westend-Musicals. Der Spätsommer für Osama ist angebrochen.

“Jihad – the Musical” ist vom 1. – 26. August in Edinburgh auf dem Fringe Festival zu sehen.

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