SPIELART: „Spectacular“ mit Robin Arthur und Claire Marshall, Regie: Tim Etchells.

Wenn die //theatermaschine einen oder mehrere SpectacularTheater Oscars zu vergeben hätte, dann würde „Spectacular“ schon zur Halbzeit des Spielart Festivals den Oscar für das beste Stück erhalten. Außerdem den Oscar für den besten Text, den besten Hauptdarsteller, die beste weibliche Nebenrolle, das beste Bühnenbild, die beste Musik und einen doppelten Oscar für das beste Kostüm.
Das nicht vorhandene Bühnenbild und die nicht vorhandene Musik müssen wir uns vorstellen, deswegen sind sie so großartig. In „Spectacular“ hat der Tod das Theater längst geholt. Nur das Publikum sitzt noch im Zuschauerraum, und ein Schauspieler, der den Tod spielt ist auf der Bühne und Claire, die stellvertretend stirbt.

Der Tod kommt in „Spectacular“ im Jogginganzug und in Socken. Normalerweise hätte er seinen Auftritt über die große Showtreppe gehabt. Pflanzenkübel säumen die Bühne rechts und links. Normalerweise würde vorher der Warm-up Mann das Publikum mit seinen Sprüchen locker gemacht haben. Hinten auf der Bühne sitzt die Band, normalerweise.
Der Tod erzählt dem Theaterpublikum, was es an anderen Abenden zu sehen gäbe. Also normalerweise. Nur heute eben nicht. Heute ist alles ein bisschen anders. Der Tod erzählt von einem Theater, das nicht stattfindet. Von der großen Showtreppe, den Pflanzenkübeln („to make the space more human“), von der Band, die das Lied vom Sunny Afternoon spielt. Von den Tänzerinnen, wenn sie die Treppe herunterschweben in ihren enganliegenden silbernen Kleidern und Straußenfedern auf dem Kopf. Plötzlich sind die Tänzerinnen wieder verschwunden, nur zwei von ihnen kreisen noch auf den Bahnen einer gedachten Acht und kommen sich niemals näher. Der Tod erzählt von seinen Gefühlen jeden Abend und von den Reaktionen des Publikums. Wie wir lachen aus Verlegenheit, wie wir still werden, wie einige gleich zu Beginn den Raum verlassen haben. Für manche ist dieses Theater „a bit too political“. Da lachen wir im Publikum schon wieder. Der Tod erzählt von seinen Zweifeln. „Sometimes you doubt everything, even the very edifice of theater itself.“ Es sei, sagt der Tod, schon eine seltsame Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, so als Theatertod.

„the strangeness and the rightness completely wound up“

Nachdem der Tod mit seinen Sprüchen die Stimmung aufgelockert hat, kommt Claire auf die Bühne. Sie will ihr Sterben machen, ihre große Sterbeszene. Dann stirbt sie, ungefähr eine Stunde lang. Claires Sterben hat die grausigsten Sterbeszenen aus den blutigsten Action- und Martial Arts-Filmen zur Vorlage. Gedärme, die aus dem Bauch quillen, blutverschmierte Finger, die irgendetwas Letztes festkrallen, zuckende Gliedmaßen. Claire brüllt, ihr Sterben ist laut und animalisch. Sie schluchzt, sie stöhnt, sie sabbert. Manchmal weint sie auch nur leise. Selbst dem Tod wird dabei mitunter mulmig zumute. Und immer ist jetzt dieses Schmerzhafte im Raum, während der Schauspieler, der den Tod spielt, seine lapidaren Reden hält und den Bund der Jogginghose über den Bauchansatz zieht. „Well, you know, normally …“. Das Publikum schaut zu, wie es immer zuschaut, wenn das Spektakuläre passiert. Wir wissen ja, dass es Theater ist, und irgendwo wird eben immer nebendran gestorben und gelitten und geweint, während gleichzeitig jemand die Zuschauer unterhält. Wir müssen uns nichts vormachen, und deswegen ist das Theater von Forced Entertainment großes Theater. Es macht seinem Publikum nichts vor. Es nimmt sich selbst und uns auf komische Weise ernst.