SPIELART: Die dänische Gruppe Hotel Pro Forma mit „Relief – a motion-picture performance“ in der Muffathalle.

Vom inzwischen verstorbenen französischen Theoretiker Jean Baudrillard stammt der Satz „The epiphany of the real is the twilight of the concept.“ Vermutlich eine Paraphrase auf Walter Benjamins Satz vom Werk, das die Totenmaske der Konzeption sei. Beide Zitate deuten auf die Vermutung hin, die Konzeption eines Kunstwerks oder -stücks sei dessen schwächeres Glied. Sobald sich der Übergang eines Werks vom Gedachten ins Reale vollzogen hat bleibt die Konzeption als tote Gussform oder Hülle zurück. Das erinnert an die Entstehung von Schmetterlingen. Etwas entfaltet sich, der Nährboden, der die Entfaltung erst ermöglichte, ist darüber wertlos geworden.

Man mag das für eine altmodische Sichtweise halten. In der Bildenden Kunst hat die Moderne das Konzept längst als eigene Kunstform aufgewertet. Auf dem Theater hat es die Konzeptkunst dagegen schwer, da das Theater mit seinen lebendigen Schauspielerinnen und Schauspielern das Abstrakte immer schon in ein Konkretes verwandelt. Es sei denn – ja, es sei denn, man würde die Schauspieler einfach weglassen.
Ein Theater ohne Schauspieler? Ist das noch Theater?

Um Schmetterlinge und das Reale geht es auch in „Relief“, einem Stück der dänischen Gruppe Hotel Pro Forma. Die Schmetterlinge wegen Vladimir Nabokov, der neben seiner Schriftstellerei auch passionierter Schmetterlingsforscher war. Der einzige verbliebene Schauspieler im Stück spricht Texte von Nabokov. Nur einmal betritt der Schauspieler tatsächlich die Bühne, ansonsten ist er auf der großen Leinwand zu sehen. Eigentlich ist es wie im Kino. Dass es sich bei den Bildern des Schauspielers auf der Kinoleinwand um live generierte Aufnahmen handelt macht keinen Unterschied (zum Kino). Der Ton kommt dreidimensional ans Ohr, jeder Zuschauer trägt einen Kopfhörer. Über 15 Stunden Videomaterial aus der Ukraine, 33 Interviews mit Leuten aus Odessa, 11 Stunden Soundaufnahmen, 8 Romane von Nabokov wurden in „Relief“ verarbeitet. Doch der im Hintergrund betriebene immense technische Aufwand entfaltet nichts. Das Konzept bleibt Konzept. Ein bisschen Nabokov, ein bisschen Ukraine und orangene Revolution, ein bisschen Medientheorie, Videofilter, Soundeffekte, Farbspiele. Die einzige Figur, die dem Publikum durchgehend gegenüber steht ist eine Schaufensterpuppe. Wie trostlos.

PS: Eine Podiumsdiskussion zum Thema Film und Theater, Kinofilm als kulturelles Gedächtnis („Kino Live?“) findet am 5. Dezember, von 16-18 Uhr im Muffatwerk / Ampere statt. Der Eintritt ist frei.