SPIELART: Far A Day Cage aus der Schweiz mit „Pate I-III“ (Dauer: 210 Minuten) und Gob Squad mit „Gob Squad’s Kitchen (You’ve never had it so good)“

I.
Das SPIELART Theaterfestival geht zu Ende mit „Gob Squad’s Kitchen“, einem Stück das zu den Anfängen geht. Den Anfängen des Pop und der Pop Art, zu Andy Warhol. This is, where it all startet: Eine Küche, auf die eine Videokamera gerichtet ist. Inspiriert von Warhols Kurzfilm KITCHEN, seinem ersten Tonfilm aus dem Jahr 1965. Wie im Original hängen auch in Gob Squad’s Kitchen einige junge Leute in einer Küche ab. Sie trinken Kaffee, schauen in die Kamera, versuchen sich in sexuellen Posen, demonstrieren absolute Oberflächlichkeit. Flankiert wird die Küchenszene von den Doubles der Warhol Filme SLEEP bzw. KISS und SCREENTEST. Einer der roten Fäden des diesjährigen Festivals zieht sich auch durch dieses Stück postdramatischen Theaters. Es passiert nämlich eigentlich nichts. Dass „eigentlich nichts“ ziemlich witzig und unterhaltsam sein kann haben verschiedene der eingeladenen Produktionen bereits gezeigt.

II.
Bleiben wir bei den roten Fäden. Eng verknüpft mit dem eigentlichen Nichts taucht das Moment der Selbstreflexion auf. Schauspieler, die Schauspieler spielen, aber doch eigentlich auch sie selbst sind oder sein wollen. Also Menschen. Aber dann doch auch Schauspieler, sonst würden sie nicht vor uns auf der Bühne stehen. Ein Kollege von der theatermaschine würde jetzt bemängeln, dass ich „uns“ schreibe. Er kritisiert das „wir“ in meinen Kritiken, das ich häufig verwende, um mich mit den anderen Zuschauerinnen und Zuschauern im Publikum zu solidarisieren. Naja, ich könnte auch „man“ schreiben. Das „man“ ist wie das „Wir“ ein Versteck für Kritiker und Kritikerinnen. Man muss nicht „ich“ sagen. Man ist gewissermaßen als Rezensentin das feuilletonistische Über-Ich des Publikums. Man spricht für andere, die kein Publikationsorgan haben, das ihnen erlaubt, ihre Meinung auszuscheiden. Indem die Rezensentin stellvertretend für die Zuschauermasse spricht schlüpft sie wie die Schauspieler auf der Bühne in eine Rolle. Sie mimt die Zuschauerin, gibt sich jedoch erst im Nachhinein durch ihren Text zu erkennen. Die Rezensierenden zementieren mit ihrer indirekten Nachrede den Graben zwischen Bühne und Zuschauerraum.

Pate I-III

Frage: Kann man, dürfen wir, soll die Rezensentin – nein, muss die Kritik über ein Theater, das den Graben von seiner Seite aus zu überwinden sucht, nicht ganz, ganz anders schreiben?

III.
In „Pate I-III“ der Schweizer Gruppe Far A Day Cage war es dann nämlich so, dass wir, ob wir wollten oder nicht (aber wir wollten) an einem großen Tisch mit auf der Bühne saßen. Die anderen und ich. Die anderen waren nicht mehr nur die anderen Zuschauer, sondern auch die Schauspieler, der Regisseur, die Regieassistentin, der Techniker und die Musiker, die die Schauspieler waren. Die Musik saß genauer gesagt in einem Loch im großen Tisch, auf dem eine rot-weiß gewürfelte Tischdecke lag wie beim Italiener. Es gab auch Rotwein und Grissini und später Pizza, weil sie die Tomatensoße für die Spaghetti, die es eigentlich geben sollte, versaut hatten. Genauer gesagt verzuckert. Irgendwer war erschossen worden und im Sturz flog das Paket Zucker in den Kochtopf. Der Regisseur unterbrach das Stück und fragte, ob wir, die anderen und ich (diesmal nur die anderen Zuschauer) auch mit Pizza einverstanden wären und wer Vegetarier sei. Wir, Hartmut, der neben mir saß, und ich hoben die Hände, ein paar andere auch. Dafür wurden wir nicht erschossen, wie die verräterischen Mafiosi auf der Bühne. Das Stück dauerte ziemlich lange, ich dachte schon, das mit dem Pizzaservice sei ein Fake. War es aber nicht. Und übrigens hassen wir Mitmachtheater, Hartmut und ich, und ich glaube, die anderen Zuschauer auch.
Man möchte nicht mitmachen im Theater, man möchte zuschauen!
Pate III war dann nicht mehr ganz so actionreich wie die ersten beiden Teile. Das ging schon in das Making-of über, vielleicht machte der sizilianische Rotwein auch müde. Das war am Dienstag Abend. Zwei Tage später stand ich morgens unter der Dusche, und wie aus dem Nichts war das Lied zu mir zurück gekommen, das der wunderbare Don Corleone Darsteller Jesse Inman gesungen hatte (im dritten Teil, als Vito Corleone längst unter der Erde lag). Leider kann ich das Lied hier nicht vorsingen, es geht ungefähr so –

IV.
Ja, das Mitmachtheater. Etwas euphemistischer auch interaktives Theater genannt. In der Küche, die Andy Warhols Küche war, stehen am Ende von Gob Squad’s Kitchen drei Darsteller, die einmal Zuschauer waren. Die Schauspieler haben, einer nach dem anderen, das Set verlassen und sich jeweils ein Double aus dem Publikum geholt. Zum Glück hat es uns nicht getroffen, obwohl Hartmut sagt, er hätte gerne mitgespielt. Die Zuschauer-Schauspieler werden von den Schauspielern, die jetzt im Zuschauerraum sitzen ferngesteuert. Mittels Funkmikro flüstern die Schauspieler den Zuschauern auf der Bühne ins Ohr, was sie zu sagen haben. Ein vierter, der in SLEEP, küsst die Schauspielerin, die auf der Bettkante sitzt, sodass sie nun den Film KISS nachspielen. Der Zuschauer macht das übrigens sehr gut. So gut, dass man denken könnte, er sei nur ein gespielter Zuschauer. Da ich nicht auf die Bühne geholt wurde, bin ich übrigens wieder per „man“ mit euch verbunden, liebe Leserinnen und Leser.
Ich persönlich möchte noch anmerken, dass es mich immer wieder wundert, wie gefügig das Publikum alles mitmacht, was die Schauspieler vorgeben (weswegen wir, Hartmut und ich, doch von Mitmachtheater reden). Aber ehrlich gesagt, ich würde es vermutlich nicht anders machen. Man will ja keine Spielverderberin sein.

V.
Und hey, auf Youtube habe ich den Pate Song für euch gefunden:

Medium: www.youtube.com
Link: www.youtube.com