Benedikt Fuhrmann ist ein sympathischer Kerl; seine Begeisterung, wenn er vom Iran und seiner Ausstellung erzählt, ist ansteckend. Der 35jährige Bad Tölzer ist Kommunikationsdesigner, Fotograf und Werbefilmer. Er arbeitet für globale Unternehmen wie Siemens, Panasonic, Mercedes oder Phillip Starck, aber auch ganz bodenständig für die Raiffeisenbank, den Bayerischen Bauernverband oder oberbayrische Gemeinden. Mit Ende Zwanzig brach er auf zur großen Fahrt, zu einem Abenteuer: sein Weg führte ihn von Bayern in den Iran. Eigentlich wollte er weiter, quer durch Asien, aber er verliebte sich in die Landschaften und die Menschen, änderte kurzerhand seinen Plan und reiste ein Jahr durch die islamische Republik. Er fotografierte, drehte Videos und tauchte ein in die Musik, die Geräusche und in zahllose Begegnungen und Gespräche. Seit seiner Rückkehr vor sechs Jahren treibt ihn der Traum um, sein Bild vom Iran auch anderen Menschen in Deutschland nahe zu bringen. Der Wunsch wurde umso drängender, desto stärker sich die mediale Berichterstattung über den Iran auf Atomkonflikt und Achse des Bösen reduzierte. Bei Galeristen fand er keine Resonanz; ihnen war, so erklärt sich Fuhrmann die breite Ablehnung, das Thema Iran zu heikel. Doch Fuhrmann ließ nicht locker.

Sag Servus und Salam

Er trug seine Idee ins Internet und nutzte soziale Medien wie Facebook sowie das Prinzip Crowdfunding, um sein Vorhaben zu realisieren. Mit einem Budget von 50.000 Euro war sein Vorschlag das bislang umfangreichste, erfolgreiche Projekt der deutschen Crowdfunding-Plattform startnext. Er schuf den Slogan “Sag Servus und Salam” und besuchte als Kommunikationsprofi in eigener Sache gleichermaßen persische Partys wie allerlei kulturelle Veranstaltungen in und um München. So fand er schließlich einen Kirchenmitarbeiter, der ihn mit dem Pfarrer der katholischen Kirche Sankt Maximilian im Münchner Glockenbachviertel bekannt machte. Pfarrer Schießler, für seine Offenheit für andersartige Ideen bekannt, zeigte sich auch diesem Vorhaben gegenüber aufgeschlossen und stellte kurzerhand seinen Kirchenraum für die Ausstellung und begleitende Veranstaltungen zur Verfügung.

Dank der sozialen Vernetzung, die weit über die Münchner Stadt- und die bayerischen Landesgrenzen hinausreichte, der finanziellen Unterstützung unzähliger “Supporter” und einer Reihe großzügiger Sponsoren konnte die Multimedia-Ausstellung mit einer beeindruckenden und facettenreichen Eröffnungsshow am 15. Juli starten.

Benedikt Fuhrmann ist ein geschickter Kommunikator. Sein Veranstaltungsmotto “Sag Servus und Salam” ist einprägsam. Der Veranstaltungstitel “EIN BLICK IRAN. Ein Land, da leben Menschen” schafft Aufmerksamkeit. Postkarten, Website-Design, gebrandete T-Shirts in klarer bayrisch weiß-blauer Farbgebung und schlichter Typografie runden den “Look” des Projekts ab, wirken professionell und überzeugend. Die Nutzer auf Facebook und Startnext wurden in die Entscheidungen über Auswahl der Fotografien und Entwicklung des Rahmenprogramms mit eingebunden, das schafft Nähe und Identifikation. Perfektes, lehrbuchgerechtes Marketing.

Doch Professionalität und Erfolg haben ihre eigenen Tücken.

Ihm gehe es nicht um Politik, nicht um Religion, erläutert Fuhrmann sein Konzept. Sich selbst bezeichnet er als nicht-religiös. Ihm gehe es darum, ein positives Bild vom Iran zu vermitteln. Ihm gehe es darum, dass sich Menschen hier für die Menschen dort interessieren und darüber Gemeinsamkeiten entdecken, auf dass diese Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten die Angst vor einer iranischen Bedrohung wenn schon nicht auflösen, so doch zumindest reduzieren helfen.

Die Gretchenfrage

Doch eine Kirche als Ausstellungsraum prägt eine Ausstellung, ihre Exponate und deren Rezeption in ganz anderer Weise als es der White Cube einer Galerie würde und drückt ihnen einen eigenen Stempel auf, stellt einen ganz eigenen Kontext her. Plötzlich ist Religion ein Thema. Plötzlich geht es um den Iran, aber doch auch irgendwie um den Islam und – egal wie sehr man dem ausweichen möchte – auch um die islamische Republik und darum, wie das alles zusammenhängt: die Politik, die Gesellschaft, die Religion, die Menschen – im Iran und in Deutschland. Plötzlich steht der Elefant, den man nicht sehen, den man so gerne ignorieren möchte, übergroß im Raum.

Fuhrmann will Einblicke ermöglichen, indem er einen einzigen – seinen ganz persönlichen – Blick auf den Iran präsentiert. Doch die Einblicke bleiben eindimensional, die Haltung edel, doch leider allzu einseitig, bisweilen kippt sie in ihrem Negieren des selbstgeschaffenen Kontextes ins Naive.

Die Medien zeichnen den Iran als Bedrohung, von dem eine potentielle Kriegsgefahr ausgeht. Also geht der Eröffnung ein interreligiöses Friedensgebet voraus. “Wir sind der Frieden” lautet der Slogan auf den neuen T-Shirts, die Benedikt Fuhrmann anfertigen ließ. Die Kirche, die (Religions-) Gemeinschaft als Graswurzelbewegung.

Zum Friedensgebet sind alle in München vertretenen Glaubensgemeinschaften eingeladen. Kerzen schmücken den Kircheninnenraum; auf ihnen sind benannt: “Juden, Buddhisten, Hindus, Muslime, Christen”. Die Pressemitteilung vermeldet die Teilnahme von Vertretern der katholischen, evangelischen, griechisch-orthodoxen und koptisch-orthodoxen Kirche sowie der Mennoniten. Dazu kommen Vertreter für das Judentum, Buddhisten, Hinduisten und ein islamischer Imam. Auch ein Vertreter der (im Iran verfolgten und diskriminierten) Baha’i soll letztlich noch dazugekommen sein.

Die christlichen Konfessionen sind stark ausdifferenziert, wobei gerade die armenischen und assyrischen Christen, die im Iran die christlichen Kirchen ausmachen, fehlen. Der Islam hingegen erscheint als monolithische Größe und die Aufspaltung in Sunniten, Schiiten, ganz zu schweigen von Aleviten über Ibaditen bis Zaiditen, wird nicht weiter abgebildet. Atheisten, die auch im Iran sowie unter hiesigen Iranern eine nicht zu unterschätzende Größe bilden, aber auch Zoroastrier wurden komplett ignoriert, ebenso sufistische, andere spirituelle oder vorislamisch-pagane Strömungen. Der religiöse Pluralismus der iranischen Gesellschaft, sowohl im Kernland wie in der Diaspora, bleibt konturenlos. Geht es hier wirklich noch darum, Einblick in den Iran zu gewinnen oder doch vielmehr darum, von Deutschland aus auf den Iran zu schauen und sich so der eigenen Identität und Weltsicht zu vergewissern?

Immerhin – und hier ist Pfarrer Schießler größter Respekt geschuldet – ist es – denkt man an all das Gewese und Gezänk um die Ökumene – alles andere als selbstverständlich, dass ein katholisches Gotteshaus seinen Altarraum für andere Religionsvertreter öffnet und ein Imam von der katholischen Kanzel herab Koransuren rezitieren darf.

Deutschland ♥ Israel ♥ Iran

Zur religiösen Friedensbotschaft gesellte sich in der Eröffnungsveranstaltung eine zivilgesellschaftliche Friedensinitiative.

Mitte März diesen Jahres startete der Grafikdesigner Ronny Edry aus Tel Aviv eine Fotoaktion auf Facebook, die sich in Windeseile um den Globus verbreitete und eine ungeahnte Dynamik entfaltete. Unter der Überschrift “Israel ♥ Iran” publizierte er Fotos von sich und seinen kleinen Kindern auf Facebook. Während der israelische Ministerpräsident Netanjahu immer vehementer die Kriegstrommel rührte und die Bedrohung durch iranische Atombomben beschwor, setzte Ronny Edry seine persönliche Haltung dagegen: “For there to be a war between us, first we must be afraid of each other, we must hate. I’m not afraid of you, I don’t hate you. … I don’t even know you. No Iranian ever did me no harm. I never even met an Iranian…”.
Innerhalb kürzester Zeit wurde die Botschaft von iranischer Seite mit “Iran Loves Israel” beantwortet, was umso bemerkenswerter ist, da es offizielle Staatsdoktrin ist, den Staat Israel nicht anzuerkennen und Kontakte zu israelischen Bürgern – so selbst bei internationalen Sportwettkämpfen – zu unterbinden.

Benedikt Fuhrmann erkannte in Ronny Edry einen Geistesverwandten und lud ihn kurzerhand zur Eröffnungsfeier nach München ein. Und Edry sagte zu. In der mit weit über tausend Besuchern vollbesetzten Kirche wurde er mit großem Applaus begrüßt. Zu Beginn der Veranstaltung hatten die Gäste ein blaues Papierherz erhalten, das nun alle gleichzeitig in die Höhe halten sollten. Als Zeichen für die Völkerverständigung und für den Frieden: “We are the peace” heißt es auf Fuhrmanns T-Shirt und “We love you” steht auf Edrys. Und für einen Moment kippt die Atmosphäre – trotz aller guten Intentionen – irgendwohin zwischen Kirchentag und Fernsehgarten.

Wenn die Politik Bilder verwendet, um die Kriegsstimmung aufzuheizen, müssen wir Bilder des Friedens und der Verständigung entgegensetzen, erläutert Edry sein Credo. Und so klicken die Kameras während sich die Arme mit den blauen Herzchen in den Kirchenraum strecken und kurz darauf sind Fotos und Videoclips der Aktion online auf Facebook zu sehen, wo sie geliked und geshared und so immer weiter verbreitet und vervielfältigt werden. Komplexe Sachverhalte in einfache Botschaften, in eingängige, leicht verständliche und einfach konsumierbare Bilder zu überführen – damit kennen sich sowohl Fuhrmann wie auch Edry aus, das ist ihre Profession als Grafikdesigner und als Werbefilmer, die sie hier für die wichtige Botschaft des Friedens und der Völkerverständigung zu nutzen wissen. Einfache Gesten sind wirkungsvoll, sie emotionalisieren, sie schaffen positive Erlebnisse. Aber die Welt ist komplexer und weniger eindeutig. Problematisch ist zudem, dass einfache Botschaften genau das zementieren, was sie bekämpfen wollen: so wie hier den vermeintlichen Gegensatz zwischen Israel und Iran.

Bilder mit Bildern bekämpfen: Vergessene Vorbilder

Edry ist bei weitem nicht der Erste, der das Internet zu nutzen weiß, um eine Brücke zwischen Iran und Israel zu schlagen. Auch dass der Tel Aviver – außer in einem Pariser Museum – zuvor noch keinem Iraner begegnet sein will, verwundert etwas. Immerhin leben etwa 75.000 iranische Juden in Israel und die meisten von ihnen in und um Tel Aviv. Die Mehrzahl von ihnen soll politisch eher rechts eingestellt sein; einige, unter ihnen der bekannte Rapper Subliminal, der in Anat Halachmis bemerkenswertem Dokumentarfilm “Channels of Rage” porträtiert wurde, sind stramme Zionisten. Doch ebenso gibt es auch liberale iranisch stämmige Israelis wie beispielsweise die Betreiber des persisch-sprachigen Radiosenders RadisIN. Umgedreht leben in Iran etwas 20.000 Juden, wenngleich auch aus demografischen Gründen mit abnehmender Tendenz – was ebenfalls vielen Israelis wie Deutschen nicht bekannt ist. Die Verbindung zwischen Iran und Israel ist gelebte Praxis zahlreicher Familienbiografien beider Länder. Die im Rahmen der Facebook-Friedensinitiative vorgenommene Ausblendung iranisch-jüdischen Lebens als eigenständiger, komplexer Identität kann durch die verbreitete Diskriminierung gegen Misrachim in Israel und die Fokussierung auf Aschkenasim im deutschen Kontext nur unzureichend erklärt werden.

Schon sechs Jahre vor Ronny Edry, im Januar 2006, machte sich Hossein Derakhshan, genannt Hoder und im Westen als Begründer der persischen Bloggerszene gefeiert, auf zur Reise durch Israel, um das Land seinen iranischen Landleuten – etwa 20.000 Iraner sollen seinen Blog regelmäßig gelesen haben – näher zu bringen. Völkerverständigung und private Friedensinitiative waren auch Hoders Motive. Im Herbst 2008 wurde der kanadische Doppelstaatsbürger bei einem Besuch in Teheran verhaftet; im Herbst 2010 wurde er, der aufgrund seiner wechselnden politischen Affinitäten durchaus auch als schillernd und fragwürdig kritisiert wurde, u.a. wegen Spionageverdachts zu 19 1/2 Jahre Haft in Evin verurteilt.

Doch Aspekte wie Meinungs-und Religionsfreiheit, Menschenrechte, politische Gefangene tauchen in “EIN BLICK IRAN” nicht auf. Man konzentriert sich aufs Positive und Eindeutige. “EIN BLICK IRAN” offenbart hier seine Achillesferse: “Ein Blick” soll genügen – wo “Iran” gleichsam ein Synonym für Komplexität und Vielschichtigkeit und Widersprüche ist.

Menschen und Landschaften: Ein Blick auf den Orient

Benedikt Fuhrmanns Fotografien, von denen nun endlich die Rede sein soll, sind ästhetisch und klar. Sie sind perfekt und das ist ihr Problem. Sie zeigen wunderschöne Landschaften in der Totalen und interessante Gesichter in Nahaufnahme. Aber sie sind seltsam statisch. Sie wirken allgemeingültig, zeitlos. Die meisten Landschaften sind menschenleer. Porträts und Landschaftsaufnahmen zeigen vor allem ländliche Idyllen, vereinzelt sind Architekturaufnahmen oder Stadtansichten zu sehen. Doch auch hier sind es Aufnahmen des Kulturerbes, Moscheen, Mosaike, traditionelle Bauweisen, doch keine Bilder die Modernität oder Zeitgenossenschaft oder Umbruch und Wandel vermitteln. Wer schaut hier auf den Iran? Was sucht dieser Blick? Was will er sehen? Was interessiert ihn? Was blendet er aus?

Das unbedingt Positive, Schöne, das Bruchlose, frei von Irritationen und Doppelbödigkeiten, erinnert eher an touristische Werbeprospekte denn an dokumentarische Fotografien zeitgenössischer Künstler oder Fotojournalisten, egal ob man dabei an Inge Morath oder Kaveh Golestan denken mag. Ein naiver, unreflektierter (Neo-)Orientalismus bricht sich hier Bahn, die Projektion eines idealisierten Wunschbildes. Dem einseitig schwarzen Iran-Bild der Mainstream-Medien wird hier ein reinweiß gewaschenes Bild, das aber ebenso klischeehaft ist wie das dunkle, entgegen gesetzt.

Unheimlicherweise erinnern Fuhrmanns Fotografien an die touristischen Hochglanzfotos, die der Iran selbst über sich publiziert. Der Blick des deutschen Reisenden trifft sich im Bild, bestätigt das Bild, das das iranische Regime von sich selbst nach außen vermitteln möchte. Die Tendenz zur Selbst-Orientalisierung ist nichts Außergewöhnliches. Auch in der 2010 vom iranischen Konsulat in München veranstalteten Großausstellung “Iran – Land der Anbetung” war diese Tendenz festzustellen.

In den Filmaufnahmen ist etwas mehr von der Modernität der Großstädte zu sehen. Doch für eine Ausstellung, die mit dem Untertitel “Ein Land, da leben Menschen” für sich geworben hat, ist es verwunderlich, dass die Menschen, die hier zu sehen sind, allesamt im Zeitraffer zusammengeschnitten wurden. Menschenleere Landschaften, statische Großaufnahmen von Gesichtern, schemenhafte gesichtslose urbane Menschenmassen. Die fehlenden Abbildungen von Menschen irritieren am meisten. Wo sind die geselligen Gruppen und Grüppchen, denen man im Iran so oft begegnet? Wo die fröhlichen Picknicks, dekadenten Porsche-Kids, Bazaris, Industriearbeiter, modischen, jungen Frauen, Kleinfamilien? Unweigerlich muss ich an die junge Fotografin Tahmineh Monzavi denken, die mit dokumentarischen Fotoarbeiten zu Underground-Modenschauen sowie über obdachlose Frauen in Teheran bekannt wurde. Im März wurde sie festgenommen und mehrere Wochen in Evin inhaftiert. Es heißt, dass die geplante Veröffentlichung ihrer Fotoarbeiten in einer französischen Publikation zur iranischen Fotografie Grund für ihre Verhaftung war.

Das zeitlose Idealbild, das Benedikt Fuhrmann präsentiert, entspricht dem Geschmack einer ganzen Reihe von Zuschauern. Es ist erschreckend, wie wenig viele Deutsche über den Iran wissen. Insofern ist es tatsächlich ein Gewinn, hier Fotos der Diversität iranischer Landstriche auszustellen, inklusive Berge und Wiesen, die denen Oberbayerns gar nicht unähnlich sind. Auch die Nostalgie langjähriger Exilanten spiegelt sich im orientalisierenden Blick des deutschen Reisenden wider. Viele deutsche Iraner können aus politischen Gründen ihre frühere Heimat nicht besuchen. Ein schönes Bild des Iran, das sich zudem mit den idealisierten Erinnerungen früherer Jahre zu decken scheint, ist hier Balsam für die Seele. Berührend war es zu beobachten, wie einige ältere Frauen Benedikt Fuhrmann nach der Ausstellungseröffnung um den Hals fielen und sich für die Möglichkeit der inneren Aussöhnung und Re-Identifikationsmöglichkeit mit ihrem Heimatland bedankten.

Die Kirche – ein Theaterraum

Eine Kirche zu bespielen, noch dazu ein so gewaltiges Bauwerk wie Sankt Maximilian, ist immer ein Wagnis. Die großformatigen Fotografien verschwinden an den gewaltigen Pfeilern des neoromanischen Hauptschiffs. Lediglich die in 20 Metern Höhe angebrachten riesigen Leinwände für die Videoprojektionen können halbwegs dagegenhalten. Die Kirche prägt die Wahrnehmung der Ausstellung stärker als die Fotografien die Kirche transformieren könnten. Würde die Kirche bei Aktionen für Adveniat oder Misereor wesentlich anders aussehen? Bei ihren Ansprachen vor dem Hochaltar wirken Benedikt Fuhrmann und Ronny Edry – bei aller Professionalität, Eloquenz und Ausstrahlung – doch bisweilen wie eingeschüchterte Fürbitten-Vorbeter oder ältere Ministranten. Ihre lockere, legere, jungenhafte Art erinnert an Kirchentag oder Jugendgottesdienst. Wer könnte der überbordenden Allmacht der sakralen Architektur, deren Zweck es ja letztlich ist, den Gläubigen an seinen Platz zu erinnern und das Lob es Einen zu preisen, etwas entgegen setzen? Nur ein Schauspieler, ein Tänzer, ein Magier und Hohepriester der großen theatralen Geste – Shahrokh Moshkin Ghalam.

Wenn der Besuch von Ronny Edry zur Ausstellungseröffnung schon ein kleines Wunder war, dann glich es einer Sensation, dass es Benedikt Fuhrmann und seinem Team gelungen war, Shahrokh Moshkin Ghalam zu einem No-Budget-Auftritt nach München zu locken. Und so waren seine beiden Auftritte, wenngleich offiziell als Rahmenprogramm angekündigt, der eigentliche Höhepunkt des Abends.

Moshkin Ghalam war in den 1990er Jahren Schauspieler bei Ariane Mnouchkine am Théâtre du Soleil und wirkte im Atridenzyklus wie auch bei “Tartuffe” mit. Später wurde er zum Mitglied der Comédie Française berufen und gründete 1997 seine eigene Compagnie, Nakissa Art, für die er vorwiegend Stücke aus der persischen Mythologie choreographiert. Mitte April trat er gemeinsam mit dem deutsch-iranischen Rap-Star Shahin Najafi in einer denkwürdigen Performance auf. Wenige Wochen später wurde Najafi wegen angeblicher Blasphemie mit einer Fatwa belegt; aufgrund der Todesdrohungen kann er derzeit keine Konzerte geben.

Für seinen ersten Auftritt kam Moshkin Ghalam, ganz in Schwarz gekleidet, die Haare zum Zopf gebunden, feierlich und langsam den langen Mittelgang des Kirchenschiffs herunter, aus der Tiefe des Raums, aus der Mitte der Zuschauer kommend, dem Altar entgegen. Seinen zweiten Auftritt begann er in einem weißen Gewand mit offenen Haaren direkt vor dem Hochaltar, über der Gemeinde stehend, bevor er von dort die Stufen herunterschritt, sich auf das Publikum hinbewegend. Der erste Tanz war eher von getragenem Tempo, gerade und sich kreuzende Bewegunglinien überwogen; der zweite wurde durch einen Gesang eingeleitet und mündete dann in einen immer schneller wirbelnden, kreisenden Sufi-Tanz.

In Abwesenheit jeglicher zoroastrischer Referenzen während des einleitenden Friedensgebets riefen die beiden Auftritte Moshkin Ghalams in ihrer klar gesetzten Dualität die Zwillinge des Guten und Bösen ins Gedächtnis, den ewigen Kampf zwischen Ahura Mazda und Ahriman. In einer katholischen Kirche erinnerte er so an die vergessenen Wurzeln des Christentums, an Riten und Vorstellungsbilder, die aus dem Zoroastrismus und seinen Vorgängerreligionen über das Judentum das Christentum beeinflusst haben – verbunden im identischen Symbol des ewigen Feuers bzw. ewigen Lichts. Die Musik und Vokalgesänge ließen Ähnlichkeiten zwischen östlichen, kaukasischen und westlichen Musiktraditionen deutlich werden. Mehr aber noch zeigte er in der beseelten Schönheit der tänzerisch-theatralen Darbietung, dass – noch vor jeder Religion – es der Kult des Theaters war, dessen Ritus der seelischen Erbauung und Heilung diente; dass im kultischen Festspiel Schauspieler die Verbindung zur Götterwelt, zum Übernatürlichen zu den Geistwesen und Ahnen herstellten. In Gobustan, im heutigen Aserbaidschan, wurden 14.000 Jahre alte Felszeichnungen entdeckt, die tanzende Figuren darstellen. In schamanischen und sufistischen Traditionen hat sich das alte rituelle Wissen bis heute überliefert.

Es war die Kirche des christlichen Mittelalters, die sich in Form von Mysterien- und Passionsspielen die theatralen Mittel des Kultus für ihre rituellen Zwecke einverleibte. Shahrokh Moshkin Ghalam besetzte in seinen beiden Auftritten nun umgedreht den sakralen, neoromanischen Kirchenbau neu und verwandelte den Altarraum und das Mittelschiff in seine Bühne. Der Hochalter mit dem blau illuminierten steinernen Altaraufsatz, der frühmittelalterliche Heilige darstellt, wird zu seinem Bühnenbild, in das man sich – an die Iran-Ausstellung denkend – eine Referenz an Naqsh-e Rostam hineinfantasieren kann.

Überhaupt findet sich in Moshkin Ghalams Darbietungen Platz für Vieldeutigkeiten, Anspielungen und versteckte oder vermutete Referenzen, die den Betrachtern der glatten Fotografien der Ausstellung verwehrt bleiben. Sein tänzerischer Gestus lädt ein, unterschiedliche Räume und Zeiten zu durchqueren. Vor dem Hochaltar, die Arme ausgebreitet, im weißen, weiten Gewand mit über die Schultern fallenden Locken lässt er viele Besucher an Jesus denken. Vereinzelt hört man anschließend Stimmen von Zuschauern, aber auch von Rezensenten, wie dem geschätzten Kollegen des Zenith-Magazins, wie dieses Bild wohl zu deuten sei – die christliche, von manchen eher religiös, von anderen eher kitschig ausgelegte Lesart läge ja so nahe.

Doch vor dem steinernen Altaraufsatz mit seinen Frühmittelalter-Zitaten kommt einem ein keltischer Druide ebenso in den Sinn wie das wallende dunkle Haar an schiitische Repräsentationen von Ali oder Hossein denken lässt. Ja selbst eine Andeutung von Brahma, Krischna oder Siddhartha Gautama könnte man erkennen, und warum nicht auch Rostam, Ardaschir oder Schahpur? Erinnert das weite Gewand nicht an Abbildungen von Derwischen? Die Form des Ärmels – war sie nicht in safawidischen Abbildungen ganz ähnlich gezeichnet? Ob die Tänze am Hof von Schah Abbas’ nicht vergleichbar gewesen sein mögen? Manche Schrittfolgen der einen Choreographie wirken wie Zitate aus dem Flamenco, manche Handdrehungen könnten auf indischen Mudras basieren. Der deklamatorische Ton des Gesangs, die Anmut der letzten Drehungen des zweiten Tanzes hingegen scheinen durch und durch französisch – vielleicht eine Verbeugung vor dem Erbe Molières oder doch einfach der übliche Gestus französischen Theaters, der auf deutsche Betrachter ungewohnt formell wirkt?

Die interkulturellen Vieldeutigkeiten, das ästhetische Spiel mit historisierendem Gesten- und Bewegungsvokabular werden zusammengeführt in Schönheit, Grazie, Anmut und emotionalem Ausdruck. In Moshkin Ghalams Tanz-Performance kann man die mythologische Feier einer untergegangenen großen persischen Kultur ebenso erkennen wie eine zeitgenössische Interpretation postmodern-interkultureller Theater-Fusionen. Je nach Blickwinkel, findet man Nostalgie und rückwärtsgewandte Identitäts(re)konstruktion, aktualisierten synkretistischen Ausdruck oder aber (spirituelle) Hingabe an das Hier und Jetzt. Vielleicht beschreibt dieser Dreiklang ja auch das Lebensgefühl in der Diaspora?

Kraftraum Kirche mit Tanz und geistigen Getränken

Die Eröffnung der Multimedia-Show “EIN BLICK IRAN” in St. Maximilian bot zahlreiche überraschende Einsichten und Begegnungen. Tatsächlich kamen sich Deutsche und Perser an diesem Abend näher, kamen ins Gespräch. Kirchen und andere sakrale Bauwerke sind in aller Regel an energetisch hochwirksamen Orten errichtet; die Architektur und Raumgestaltung, insbesondere romanische und gotische Bauelemente, tragen weiter dazu bei, dass eine besondere Kraft, Ruhe und Atmosphäre in diesen Räumen wirksam werden kann.

Im Friedensgebet und der Aktion von Ronny Edry behielt die Kirchenatmosphäre die Oberhand, auch die Darbietungen von Hadi Alizadeh mit persischer Trommelmusik konnten ihren zurückhaltenden “Gast-Status” nicht überspielen. Die sinnliche Kraft und Emotionalität von Shahrokh Moshkin Ghalams Tanzeinlagen erst füllten Benedikt Fuhrmanns Wunsch, die Zuschauer mögen “Betrachten. Lauschen. Fühlen. Iran erleben” mit Leben. Der sakrale Raum transformierte und öffnete und löste sich, ohne dabei seine Kraft und Energie zu verlieren.

In den 1990er Jahren wurden in London und später in New York Kirchenbauten aus der Mitte bzw. Ende des 19. Jahrhunderts offiziell entweiht und unter dem Namen “Limelight” zu Nachtclubs und Discotheken umgewidmet. Die Partylocations erfreuten sich großer Beliebtheit, nicht zuletzt aufgrund der einmaligen Atmosphäre und Architektur. An diesem Abend war auch in St. Maximilian ein Hauch von “Limelight” spürbar, inmitten der gelösten, aufgekratzten Stimmung der lange verweilenden Besucher, angesichts der Prosecco- und Bierbar und des vielfältigen persischen Buffets. Nur der DJ und das Wummern der Bässe fehlte. Doch der Geist des Theaters hat die Kirche transformiert. Und plötzlich versteht man auch, wieso ein iranischer Gottesstaat sich durch seine Künstlerinnen und Künstler derart bedroht fühlt. Sie sind einfach stärker.

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Die Ausstellung “EIN BLICK IRAN” ist noch bis zum 12. August 2012 in der Pfarrkirche St. Maximilian in München zu sehen.
Im Rahmenprogramm sind am 21. Juli um 20 Uhr ein Konzert von Hadi Alizadeh und Faruk Mirza, am 28. Juli um 20 Uhr ein Konzert von Nasrin Khochsima und am 11. August ein Doppelkonzert von Maryam Akhondy und Band um 19 Uhr und von Arash Sasan & Friends um 21:30 Uhr angekündigt. Karten können über München Ticket erworben werden.

Weitere Informationen: www.einblickiran.de