“Verquast” ist ein Wort, dass man nur noch selten hört. Doch auf der Pressekonferenz zur Programmvorstellung des 13. Internationalen Festivals für zeitgenössischen Tanz, das vom 25. Oktober bis 4. November 2012 stattfinden wird, fiel es auffallend häufig. Denn eins solle das nächste DANCE-Festival, das erste unter der neuen Leitung von Nina Hümpel und Dieter Buroch, garantiert nicht werden, nämlich: “verquast”.

Selten auch, dass so deutlich Ohrfeigen an die Vorgänger verteilt werden, um ein neues Team zu präsentieren. Das neue Team wolle nämlich “zeigen, was wichtig ist”, stellt der Kulturreferent klar und grenzt diesen “innovativen” Ansatz von den – na, eben – “verquasten” theoretischen Konzepten der früheren Programmmacher ab. Dabei, ergänzt die Neue, Nina Hümpel, wolle man “nicht in erster Linie auf Kopfkunst, sondern auf Kulinarik” setzen. Aber natürlich stehe weiter die ästhetische, künstlerische, tänzerische Qualität im Vordergrund, die sinnlich-poetischen wie metapherreichen Formen, das Zeitgenössisch-Vernetzte. Und deshalb habe man auch drei “Aspekte” gefunden, die das Programm strukturieren, nämlich u.a. “Vom Säen und Ernten”.

Oje, denkt man sich: “Kulinarik” statt “Kopfkunst”. Will man also alle alten München-Klischees bedienen und mehr Schicki-Micki und Chi-Chi, mehr Empfänge, Häppchen und rote Teppiche wie jüngst auf dem runderneuerten Filmfest? Aha, beruhigt man sich, es bleibt doch alles wie gehabt unter Beachtung der landläufigen Festivalprosa von Qualität, Vernetzung, Innovation-Schnittstellen-Reibungsflächen-Internationalisierung-Nachwuchsförderung? Nur gut, dass man wenigstens die “Exzellenzinitiative Tanz” vermieden hat. Und uiii, wundert man sich schließlich: “Vom Säen und Ernten” ist also weniger “verquast” als “Körper Sphären” (2006), “Gegen Welten” (2008) oder “Time Codes” (2010)?

Vom Säen und Ernten in Flandern

Aber was wird denn nun gezeigt? “Vom Säen und Ernten” wirft einen durchaus neidvollen Blick nach Westen auf das kleine Flandern und seinen enormen “Output” an interessanten und faszinierenden künstlerischen Positionen, Choreograph_innen und Tänzer_innen. Dieses “Phänomen” soll generationenübergreifend vorgestellt werden, wobei die etablierten Festival-Ikonen Jan Fabre, Wim Vandekeybus und Anne Teresa de Keersmaeker für die “ältere” Generation, Sidi Larbi Cherkaoui und Erna Omarsdottir für die aktuellen Stars der “mittleren” Generation und die Abschlussklasse der Tanzakademie P.A.R.T.S. für die zu erwartenden Neuentdeckungen der nächsten Generation stehen sollen.

Fabre, Vandekeybus und De Keersmaekers “Rosas” waren in früheren Jahren – und auch in früheren DANCE-Jahrgängen – regelmäßig in München zu Gast und man darf sich wohl auf bewährte Qualität freuen. Höhepunkte, soviel lässt sich jetzt schon erwarten, werden sicherlich die Performances von Cherkaoui und Omarsdottir. Besonderes Augenmerk will der Schwerpunkt zu Flandern darüber hinaus auf die kulturpolitischen Bedingungen dieses Erfolgs richten. Wie können kleine Compagnien aus der belgischen Provinz so innovativ und kreativ sein während gut subventionierte deutsche Produktionen und Ensembles international kaum reüssieren können? Die Bedingungen des belgischen Erfolgsmodells und daraus möglicherweise abzuleitende sinnvolle Fördermodelle und kulturpolitische Ansätze für Deutschland – oder besser noch: für München – sollen in einer Reihe von Begleitveranstaltungen diskutiert und analysiert werden.

“Männer” – und was man dafür hält

“Männer” lautet ein weiterer der diesjährigen Festival-“Aspekte”. Auch von “Männerbildern” und einem “Spektrum an Maskulinität” ist auf der Pressekonferenz die Rede. Doch das unverquaste Festivalkonzept scheint den Rückgriff auf Gender-Theorien vermeiden zu wollen. Daher wird der Begriff auch nicht weiter hinterfragt, wird weder auf Diane Torrs Performances von normativer Männlichkeit Bezug genommen, die durch Katarina Peters’ Dokumentarfilm “Man for a Day” erneut an Aktualität gewonnen haben, noch auf schwule Identitäten, wie sie Lloyd Newson in zahlreichen Arbeiten von DV8 Physical Theatre dekonstruiert hat. Dass sein jüngstes, international hochgelobtes Projekt “Can We Talk About This?”, das Fragen über das Verhältnis des Westens zu Multikulturalismus, Islam, Freiheit und (Selbst-)Zensur thematisierte, den Weg zwar nach Köln und Berlin, aber nicht nach München geschafft hat, ist und bleibt bedauerlich.

Beim DANCE-Schwerpunkt “Männer” soll es nicht um Gender- oder Multikulturalismus-Theorien gehen, schließlich steht ja die Kulinarik im Vordergrund. Vielmehr sollen in Kooperation mit dem Schauburg-Theater der Jugend “Vorstellungen mit ausschließlich Männern” gezeigt werden. Damit, so der Plan des Leitungsteams, sollen vor allem junge Männer ins Theater gelockt und für Tanz interessiert werden, denn die seien ja meist Theatermuffel. “Chicks for money and nothing for free” des Kinder- und Jugendtheaters Kopergietery aus Gent soll diesen jungen männlichen Theatermuffeln eine “Lehrstunde im Glücklichsein” bieten; das bereits seit Februar 2012 an der Schauburg gezeigte slapstick-artige Stück “Intimate Stranger” von Johanna Richters spielt mit der Ausgangssituation von sechs Männern unterschiedlicher Herkunft, die auf einer Etage jeweils allein in einem kleinen Appartement leben.

Miet-Experten und Genuss-Zwang

Der dritte Festival-Aspekt betont ein neues Verhältnis zum Publikum. In Zusammenarbeit mit der LMU München werden Studierende zu Experten ausgebildet, die unter dem Motto “Rent an Expert” als “Personal Guides” dem Zuschauer und der Zuschauerin tanzwissenschaftliche Fachkenntnisse vermitteln sollen. Wozu das, fragt man sich, wenn doch Kulinarik statt Verkopftes vorherrschen soll. Dieser Widerspruch taucht im Plan für das neue Festivalzentrum in anderer Form erneut auf. Das Café im Müllerschen Volksbad wird das neue Festivalzentrum, in dem die “Leibspeisen der Künstler” auf der Speisekarte stehen. Von eigenwilligen Rezeptideen der Künstler ist die Rede, die möglicherweise anschließend in einem Kochbuch zusammengefasst werden sollen.
Will ein tanzinteressiertes Publikum wirklich wissen, was die Tänzer_innen und Choreograph_innen in ihren Küchen fabrizieren? Selbst wenn in diversen wissenschaftlichen Veröffentlichungen “den Deutschen” jüngst ein Mangel an Genussfähigkeit attestiert worden ist, selbst wenn sich München als “Single-Hochburg” ein ums andere Jahr behauptet und eine Tendenz zur Vereinsamung nahe legt – braucht es wirklich “studierte Experten”, um dem Publikum die gesehene Tanzdarbietung zu erklären und schmackhaft zu machen? Muss mir eine Suppe oder ein Kuchen schmecken, damit ich eine Choreographie “verdauen” kann? Führt ein geglücktes Promi-Dinner zu einem beglückenden Tanzerlebnis?
Die Verbindung von Ästhetik und Genuss, von spielerischer, experimentierfreudiger Grundhaltung mit Seh-Lust ist begrüßenswert. Doch woher kommt dieses überbordende Misstrauen gegen Ideen, Konzepte, Theorien, gegen das Denken an und für sich? Letztlich ein Misstrauen gegen das eigene Publikum, dass scheinbar solche “niedrigschwelligen”, “kulinarischen” Angebote braucht, um sich auf neue Seherfahrungen einlassen zu können?

Kontinuität und Neues

Doch vielleicht sollte man sich von der didaktisch-kulinarischen Anti-Konzeptkunst-Prosa des neuen Leitungsteams nicht verunsichern lassen. Denn das vorgestellte Programm ist vielversprechend und knüpft nahezu nahtlos an die früheren DANCE-Jahrgänge an.

Der ehemalige Forsythe-Tänzer Antony Rizzi erinnert in “An attempt to fail at groundbreaking theatre with Pina Arcade Smith” an eine überraschend konstruierte “Underground”-Performance-Dreifaltigkeit aus Pina Bausch, Penny Arcade und Jack Smith. Nicole Beutler tritt in einen virtuellen Dialog mit Lucinda Childs. Vier Münchner Choreograph_innen interpretieren die “Sixteen Dances” von John Cage anlässlich seines 100. Geburtstages neu. Sowohl Wim Vandekeybus wie auch Crystal Pite beziehen sich auf Shakespeare, einmal auf den “Kaufmann von Venedig”, einmal auf den “Sturm”.

Zum Auftakt des 13. DANCE Festivals darf man sich auf die Kombinatorik und Konstruktions-Spiele von “PUZ/ZLE”, der neuesten Arbeit von Sidi Larbi Cherkaoui, freuen, die erst vor wenigen Wochen in Avignon Premiere feierte. Cherkaouis synkretistischer, interkultureller Ansatz verweist auf die unterschiedlichsten Einflüsse, Traditionslinien, Kontexte, Sprachsysteme und ist dabei unvergleichlich poetisch und verzaubernd.
Cherkaoui bringt riesige Steinblöcke zum Tanzen und lässt seine Tänzer_innen zu Skulpturen versteinern. Korsische Gesänge des Männer-Sextetts “A Filetta” ergänzen sich mit den von der libanesischen Sängerin Fadia Tomb El Hage vorgetragenen arabischen Volksliedern und den japanischen Flöten- und Trommel-Soli von Kazunari Abe. Cherkaouis Choreographie verspricht magische Verbindungen, eine Abstraktion des Rituellen und Ritualisierten voll sinnlicher Poesie, zu Herzen gehendes, die Sinne berührendes, Augen öffnendes, überaus geistreiches Kopfkino – und ist dabei nicht unbedingt unkulinarisch.

DANCE 2012 – vom 25.10. – 4.11.2012 in München
Kartenvorverkauf ab 5.7. über München Ticket
Sidi Larbi Cherkaoui, “PUZ/ZLE”, am 25./26.10., jeweils 20 Uhr, Carl-Orff-Saal