Als “Lecture Performance” war der Beitrag von Jule Hillgärter angekündigt. “Krieg darstellen von A bis Z” lautete der poppig-formulierte Titel und war Teil des Festivalprogramms der diesjährigen FOTODOKS, die unter dem Rahmenthema “ACHTUNG?! Respekt, Kontrolle, Veränderung” dieses Jahr einen vielseitigen Überblick über aktuelle deutsche und britische Dokumentarfotografie bot.

Tatsächlich hangelte sich Jule Hillgärtner alphabetisch durch das komplexe Thema der visuellen Repräsentationen von Kriegen. Dies und ein paar kleinere spielerisch-performative Momente zur Sprechakttheorie und zum Quellenverzeichnis war dann fast schon alles, was man an dem Vortrag interessant finden konnte.

Anfang des 21. Jahrhunderts ist der Krieg, das Reden über und das Abbilden von Kriegsgeschehen, auch in unseren Breiten beinahe wieder alltäglich geworden. Es ist erst knapp einen Monat her, dass die Ausstellung “Bild Gegen Bild” im Haus der Kunst, die sich mit den visuellen Verfahren der Kriegsdarstellung intensiv auseinandergesetzt hat, zu Ende ging. Zur Ausstellungseröffnung im Juni trafen sich die seit Jahren den Diskurs bestimmenden Experten und Theoretikerinnen – u.a. Mieke Bal, Georges Didi-Huberman, W.J.T. Mitchell – im München zum Symposium. Das Thema Dokumentarfotografie und Kriegsberichterstattung ist also allgegenwärtig.

Hillgärtner strukturierte ihren Vortrag also alphabetisch. Es wurde jeweils eine Begriffsliste eingeblendet, dann ein, zwei oder drei Worte daraus herausgegriffen, über die dann kurz etwas gesagt wurde. So ging es vom “Anfangen” über die “Authentizität” zum “Bild”. Der “Embedded Journalism” durfte nicht fehlen. Bei den “Fragen” gab es einen kurzen Moment, wo das Publikum hätte intervenieren dürfen. Da wusste man jedoch noch nicht, dass am Ende des Vortrags keine Diskussion oder Fragen zugelassen waren. Etwas selbstironisch war das akademische “Name-dropping” der einschlägigen Theoretiker/innen und Fotograf/inn/en und das eingeblendete Literaturverzeichnis der benutzten Quellen.
Multimediale Abwechslung war geboten – neben der projizierten Powerpoint-Präsentation, gab es kurze Videoclips und Tondokumente. Dazwischen die bereits erwähnten performativen Gesten – da wurde, um die “Sprechakt”-Theorie zu veranschaulichen, ein Papierschiffchen feierlich auf seinen Namen getauft und mit Wasser übergossen oder der Begriff “Unterbrechung, kurze” dazu genutzt einen Schluck Wasser zu trinken.

Aber um was ging es eigentlich? Welche Kriege wurden dargestellt oder welche Kriegsdarstellungen wurden hinterfragt, analysiert, dekonstruiert?
Ohne dass die Auswahl irgendwie begründet worden wäre, ging es fast ausschließlich um die amerikanischen Kriege der letzten Jahrzehnte. Als Referenzpunkt wurden vereinzelt Dokumente des Vietnam-Kriegs (1957-1975) herangezogen. Ansonsten ging es um den zweiten und den dritten Golfkrieg und die darauf folgende Besatzung, um Abu Ghraib, Afghanistan. Die Erwähnung von Jeff Walls “Dead Troops Talk” erweiterte die Perspektive zumindest einen kleinen Moment lang auf den Afghanistan-Krieg der Roten Armee (1979-1989), jedoch ohne dass die sowjetische und die US-amerikanische Besatzung und die jeweiligen Dokumentations-Strategien in irgendeiner Weise in Bezug gesetzt, verglichen oder kontrastiert wurden. Selbst der Begriff “Guernica” wurde im Vortrag mehrfach verdeckt – weder der Spanische Bürgerkrieg noch die Bombardierung durch die Deutschen fand Erwähnung – und verwies schließlich nur auf die Pressekonferenz des damaligen US-Außenministers Colin Powell in der UN in New York, als er Anfang 2003 dort seine Argumente für einen Angriffskrieg gegen den Irak vortrug und das im Hintergrund hängende Picasso-Gemälde durch einen Vorhang abgedeckt wurde. Ähnlich wurde auf Susan Sontags Studie “Regarding the Pain of Others” zwar mehrfach verwiesen, der Zusammenhang mit den Erfahrungen Sontags während der Belagerung Sarajewos im Bosnienkrieg aber verschwiegen.

“Krieg darstellen von A bis Z” war somit eher ein US-Kriege darstellen – aus Perspektive der USA. Natürlich wurde die Einbettung von Journalisten im Irak- und im Afghanistan-Krieg durchaus kritisch dargestellt, gleichwohl wurde die Kriegserklärung von G.W. Bush vom 19. März 2003 in voller Länge und unkommentiert als Tondokument vorgespielt; Zeitangaben – etwa der ersten Bombardements von Bagdad wurden von Hillgärtner gemäß EST angegeben, also aus Perspektive und in der Zeitzone der US-amerikanischen Befehlshaber und nicht nach der Zeit am Ort der Einschläge und Toten.

Jule Hillgärtners Lecture Performance wurde so zu einem Beispiel “eingebetteter Wissenschaft” oder eines unreflektierten eurozentristischen Blicks, die sich vielleicht mit dem Leid der Leidbringer identifiziert, aber die Perpektive der “Anderen” konsequent ausblendet. Dies zeigte sich auch im visuellen Vergnügen an typischen Kriegsmaschinen-Bildern, die als Videoclips zum Stichwort “MOAB” eingespielt wurden: Gezeigt wurden Aufnahmen von Bombenabwürfen und den Staubwolken nach der Detonation, die visuell sehr imposant, gleichwohl eine deutlich dehumanisierende Wirkung haben. Überraschend war auch, dass unter dem Begriff “War-Blog” die Blogs von US-Soldaten des Irakkriegs zitiert wurden, während auch hier die Perspektive der Bombardierten, der Zivilbevölkerung – während des Zweiten Irakkriegs erlangten auf Englisch schreibende, irakische Blogger wie z.B. Salam Pax, Riverbend oder Raed Jarrar (und seine gleichfalls bloggende Familie) einige Berühmtheit – konsequent vernachlässigt wurde. Man braucht fast nicht erwähnen, dass die visuellen Strategien der Kriegsgegner, etwa die Videobotschaften Osama bin Ladens und andere Al-Qaida-Bildpolitiken ebenfalls ausgeblendet blieben.

Erfreulicherweise folgte auf Jule Hillgärtners erschreckend banalen Vortrag die kurzfristig ins Programm aufgenommene Präsentation von Edmund Clark, der seine in der Ausstellung vertretene Arbeit “Guantanamo: If the light goes out” vorstellte. Edmund Clark wurde am selben Abend auch verdientermaßen mit dem erstmalig vergebenen ZEITmagazin Fotopreis ausgezeichnet.

Clark schilderte die Entstehung seiner Arbeit samt der umfangreichen Maßnahmen, die notwendig waren, um von den US-Militärbehörden eine Fotoerlaubnis für Guantanamo zu erhalten. Die Vorstellung seiner Fotografien wurde so ergänzt durch den mündlichen Bericht über die Einschränkungen, Unterwerfungen unter die Zensur und vordefinierten Bildgegenstände. Dadurch gelangte das auf den Fotografien Nicht-Dargestellte zu Bedeutung und wurde für die Rezeption leicht zugänglich.

Ausgangspunkt für Clarks Beschäftigung mit Guantanamo war die Geschichte der “Tipton Three”, deren Geschichte Michael Winterbottom 2006 in seiner Dokumentation “The Road to Guantanamo” nachzeichnete. Drei junge Briten pakistanischer bzw. bangladeschischer Herkunft waren kurz nach 9/11 im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet unterwegs und wurden – ähnlich wie die Geschichte des deutsch-türkischen Guantanamo-Gefangenen Murat Kurnaz – gefangen genommen und nach Guantanamo verschleppt. Clark besuchte die ehemaligen Guantanamo-Häftlinge nach ihrer Freilassung zu Hause und fotografierte die Wohnungen. Harmlose, ruhige Bilder aus der Mitte Englands. Später reiste er auch in diverse Golf-Staaten und fotografierte die Wohnungen ehemaliger kuwaitischer und qatarischer Häftlinge. Bewusst verzichtete er auf Bilder aus Pakistan und Yemen, da diese, so befürchtete Clark in seiner Erläuterung, zu sehr den Klischees von Armut und Rückständigkeit hätten entsprechen können. Neben den Wohnräumen islamischer Bürger Britanniens und westlich orientierter Bürger der Golfstaaten traten als drittes und die Biografien verbindendes Element schließlich die Räume Guantanamos hinzu, die ihrerseits in Ansichten von Lebensräumen der Gefangenen und der Bewacher differenziert wurden. Die klar komponierten, menschenleeren Fotografien haben bisweilen etwas Skurill-Beängstigendes. Hinter der vordergründligen Harmlosigkeit lauert die Bedrohung. Im Vorgarten eines McDonald’s Restaurants winkt eine menschengroße Ronald McDonald-Skulptur durch das Fenster. Im Vordergrund sieht man die typischen Fast-Food-Restaurant Sitzgelegenheiten, im Hintergrund sind die Baracken der Soldaten-Unterkünfte zu sehen. Auf einem anderen Foto sieht man am Zellenboden einen Pfeil, der Richtung Mekka, der Gebetsrichtung gläubiger Muslime, weist. Doch der Pfeil zielt auch genau auf einen in den Boden zementierten Ring, an dem die Fesseln zur Immobilisierung der Gefangenen befestigt werden.

In seiner Video-Installation hört man eine Abfloge von amerikanischen Rock- und Metall-Songs, die bei den Folterungen eingesetzt wurden und, wie “Born in the USA” in diesem Kontext eine zynische Wirkung entfalten. Eine andere Installation präsentiert den mündlich vorgetragenen Bericht eines Folteropfers, der von einer Soldatin sexuell belästigt und mit Menstruationsblut eingerieben wurde. Die Intensität der Schilderungen, die verursachte Scham und Erniedrigung, sind kaum auszuhalten. Ein weiteres Fotoprojekt dokumentiert Briefwechsel, die den Gefangenen erlaubt waren, und wie die Postkarten oder Briefe lediglich als Kopie, mit zahlreichen Stempeln und Archiv-Angaben versehen und natürlich umfangreich geschwärzt und zensiert an die Häftlinge ausgehändigt wurden.

Wo Hillgärtners Reden vom Krieg lediglich bei der Täterseite verweilt und ihre eigene “Embeddedness” nicht wahrnimmt, zeigt Edmund Clark eine deutlich vielschichtigere Perspektive auf, die auf einer klaren humanistischen Haltung und Ethik fusst. Guantanamo ist ein Gefängnis für die Gefangenen wie die Wärter gleichermaßen; die Häftlinge werden gebrochen, zermürbt, psychisch und physisch gefoltert. Doch auch die Täter tragen die Wunden und Narben ihrer Taten und ihrer Verrohung.

Die Ausstellung ist noch bis zum 25. November im Münchner Stadtmuseum zu sehen.