Jochen Schölch inszeniert „Eisenstein“ am Metropoltheater

Der Titel schon evoziert eine Wucht von antikem Ausmaß und deutscher Tiefenhärte. Und dann beginnt Eisenstein auch noch mit einer Beerdigung – dunkelblau abgetöntes Licht, getragene Klänge, trauernde Menschen. Wie soll das werden?

Es wird, es wird sogar ganz gut. Denn Eisenstein ist (nur) der Name eines niederbayerischen Grenzortes, in dem das Stück am Ende des letzten Weltkriegs beginnt. Zudem entwickelt sich das Stück eher zu einem Melodram als zu einer unausweichlichen Tragödie. Es erzählt die Geschichte eines Münchner Immobilientycoons, der sich als Sohn einer Flüchtlingsfrau hocharbeitet, und schlägt dabei einen ambitionierten Bogen über 60 Jahre Nachkriegsgeschichte.

Zu ambitioniert, denn die Verstrickungen, Lügen und Lieben zwischen den beiden Familien, deren Geschichten erzählt werden, bleiben recht grob gesponnen. Und wenn die Dialoge nicht von entschlackter Theatergüte wären, säßen wir in einer soap opera. Autor Christoph Nußbaumeder lässt die Figuren wenig sprechen und schon gar nicht argumentieren. Die Sprache ist mehr emotionaler Ausdruck als Bedeutungsträger. Sie klingt teilweise wie in den Volksstücken von Franz Xaver Kroetz – insbesondere in den frühen Szenen, die die Zeit unmittelbar nach dem Krieg schildern, als man in Niederbayern noch unter sich war. Erst im Laufe des Stückes wird der Dialekte weicher, das Licht heller, treten die Figuren aus dem Halbschatten ihrer Heimat.

Die Regie von Jochen Schölch nimmt die Anklänge an Fernsehserien auf. Er arbeitet mehr mit Licht als mit Requisiten, was ihm schnelle szenische Schnitte ermöglicht. Die Szenen enden, indem die Bewegung der Figuren einfriert. Wie immer lässt Schölch die Schauspieler auch spielen – hier allerdings am kurzen Zügel, die schnelle Szenenfolge lässt für ausgreifende atmosphärische Situationen keinen Platz.

So tragen die hervorragenden Schauspieler und die klare Regie diesen Abend. Sie lassen die Reduktion, die in der Sprache angelegt ist, zum Wesentlichen kommen. Auch die Bühnenbilder sind überzeugend einfach, die Kostüme unaufwändig.

Geschichte wiederholt sich, ruft uns das Stück zu – und zwar deswegen, weil die Menschen sich nicht ändern. Das ist das Grundmuster des Melodrams: irgendwie ist alles bekannt, und die Katastrophen passieren auch dann, wenn sie erwartet werden. Trotzdem erschrickt man.

Es sind die Gene, die uns prägen, nicht die Götter. Das Übel ergibt sich heute aus dem Charakter der Menschen, nicht aus dem Schicksal. Um diese Macht der Gene zu zeigen, werden die Schauspieler doppelt und dreifach besetzt. Georg, der Tycoon, z. B. spielt seinen Vater und seinen Sohn, Heidi, seine Geliebte, spielt auch ihre Mutter und ihre Tochter. Die Schauspieler, die gerade nicht spielen, sitzen sichtbar am hinteren Bühnenrand, das macht die Idee des Einflusses der Anderen noch präsenter.

Dennoch ist die These vom durchgreifenden Familiengen recht schwach. Um sie zu vermitteln, dürfen die Figuren nicht über ihren Schatten springen, sie müssen störrisch bleiben. Das ist für die Nachkriegszeit schon nicht ganz plausibel, 60 Jahre nach dem Krieg noch weniger. Insofern ist Eisenstein nur indirekt ein Gesellschaftsstück, es ist ein Stück über die Sturheit einzelner Charaktere. Die Rettung kann hier nur von außen kommen.

.