Bei aller Vorfreude, aber ein Festival wie SPIELART ist trotz immer wieder ambitionierter Konzeption doch zuallererst ein Festival. Die klugen Vorüberlegungen und theoretischen Überhöhungen mit denen sich jedes Festival schmückt und legitimiert, sind häufig kaum mehr als rhetorische Girlanden um dürre Hälse von Kuratoren, die sich nach dem schon Bewährten recken und aus abgegriffenen Programmkatalogen des weltweiten Festivalszirkus neukombinieren. In die Vorfreude auf ein Festival mischt sich also immer schon die Wehmut über den Virus Festivalitis, der wie die spanische Grippe übers Land rollt und mit seiner aufgeregten Gleichmacherei die üblichen Opfer hinterläßt: alles gleich neu, alles gleich anders, alles gleich beliebig.

Doch diese zehnte Ausgabe von SPIELART ist anders. Sie ist aufregend risikofreudig und aufrichtig neugierig. Neugierig auf die Verfasstheiten unserer Lebenswelten, global und lokal, fatal oder fatalisitisch, zerstört oder zerstörerisch und verstörend vielschichtig.

Wie die Produktion von Gob Squad gestern abend.

Die WESTERN SOCIETY steht auf dem Programm und sie wird mit großer Lust einer theatralsystemischen Familientherapie unterzogen. Ausgehend vom banalen Youtube Video einer geselligen Runde beim heimatlichen Karaoke Abend, entfalten die vier ein intelligentes multimediales Verwirrspiel um Grundelemente der Ich- und Wir-Verfasstheit, wie es so noch nicht zu sehen war. Es gelingt meisterlich, sich nicht auf leicht zu verfrühstückende Auswüchse banaler, medieneinduzierter Lebensleerläufe zu stürzen, sondern die Banalität der Lebnsvollzüge wird zum Sprungbrett für Sprünge in Tiefen, die man in uns Oberflächenmenschen nicht mehr vermutet. Formen und Inhalte bewegen sich dabei mit einer atemberaubenden Selbstverständlichkeit aufeinander zu, um in ein Bild zu münden, das niemand vergisst. Es ist das Bild von der Rückseite der eigenen Banalität. Unbedingt heute abend ansehen!