Das war’s. Der letzte, imaginäre, Lappen ist gefallen. Spielart 2015 ist Geschichte. Aber eine Geschichte an die man sich eine Woche später schon nicht mehr erinnert. Erinnern mag, weil sich sonst die Fassungslosigkeit wieder quälend bemerkbar macht, die den erwartungshungrigen Besucher zunehmend der Lebensfreude beraubte. Einer Lebensfreude, die anzustacheln vielen, vielen der historischen SPIELARTen zuverlässig gelang. Doch diesmal: niente! Wenn man dachte, schlimmer geht’s nimmer, ging’s unfröhlich weiter bergab.

Hinunter zu HIATUS. Verspanntem, selbsternanntem Tanztheater über Bettler und Passanten mit dem Charme einer bemühten P-Seminararbeit in der angestrengte Oberstufenschüler ihre wohlstandsgesättigten Komplexe in einer irgendwie gutgemeinten Annäherung ans soziale Elend abzuarbeiten versuchen. (Sorry, ich nehm’ den Schultheatervergleich wieder zurück. Ist unfair, denn das ist wichtig. Diese Produktion war’s nicht) Kategorie: Puh! Oder noch schlimmer: INNOCENT Was war das denn? Drei Männer und eine Frau, die sich sukzessive auszogen, dabei in der Zuschauermenge herumliefen, selbstgemalte Postkarten verkaufen wollten, die ihnen aber so gut wie niemand abkaufte (ein Mitleidskauf ist festzuhalten) ein paar Gesangsübungen einstreuten und genauso wie die Zuschauer nicht recht wussten, wie sie die Zeit herum bekommen sollten. Kategorie PUUUUH. Tja, so ging es weiter, wenn auch vielleicht nicht ganz so schlimm. Wobei WENA MAMELA, ein exaltiert gemeintes Tanzsolo von Mamela Nyamza fast in die Nähe kam. Mit hin und wieder auf den Rücken geschnallter Großmutterpuppe skizzierte die Südafrikanische Tänzerin so etwas wie ein theatrales Selfie zwischen Topfpflanzen. Ohne allerdings ihre persönliche Geschichte als schwarze südafrikanische Frau zu reflektieren, wie es der Programmzettel versprach. Kategorie: What for?

Die Bezugnahme auf’s Private in Inhalt und Darstellung, ist ja ein gemeinsamer Nenner vieler Produktionen der seit vielen Jahren schon aktuellen Performanceszenen, mit naturgemäß einsetzendem Ermüdungsfaktor. Wenn das aber so ohne weitere nachvollziehbare überindividuelle Relevanz passiert wie in den meisten gesehenen SPIELART Produktionen wird es ärgerlich, weil man anfängt über kostbar verstrichene Lebenszeit nachzudenken, anstatt über neue Gedankenanstöße. Die ja naheliegend und vor allem notwendig wären bei einer sich so politisch gerierenden Programmierung wie diesmal.Doch entweder wird Systemkritik zur gefälligen Vintage Revue wie in der Proletenpassion oder verschwimmt im Wimmelbild von zahllosen kleinen Lectures, Performances und Ausstellungen. Das Schlagwort von Art in Resistance als prägendes Motto des Festivals bleibt Behauptung. Bleibt nur Simulation einer kritischer Auseinandersetzung mit der Welt in der wir leben und die wir auf so vielfältige Weise zerstören. Denn im Buntbild der Petitessen bildet sich keine kritische Masse. Keine Vehemenz. Keine Kraft.

Außer in einer kleinen Produktion, die in der Erinnerung bleibt: ARCHIVE von Arkadi Zaides. Eine stupend einfache körpersprachliche Auseinandersetzung mit Bildern aus den Spannungszonen zwischen Israelis und Palestinensern. Palästinensische Aktivisten filmten zahllose Übergriffe, die in einem Archiv gesammelt werden. Und dieses Archiv bildet die visuelle Hintergrundfolie für den israelischen Tänzer und Choreografen, der alleine auf der Bühne, Bewegungsmuster der Gewalt wie sie sich in diesen Filmen darstellt, übernimmt, spiegelt, wiederholt. Einem Sisyphos gleich, den man sich aber nicht als glücklichen Menschen vorstellen kann.

Das war sehr gut, wenngleich als Ausbeute, eines einstmals so bedeutenden Ereignisses, sehr wenig. Aber vielleicht habe ich ausgerechnet die tollen Projekte verpasst. Kann natürlich sein.